Wenn Fitness zur Sucht wird

 

Nachdem ich mich in der jüngeren Zeit fast nur der „schönen“ Themen angenommen habe, Gartenspaß und Natur, möchte ich mal wieder etwas Kritischeres und „Zeitgeistiges“ beleuchten. Und wie man an meinem nun doch zehn Jahre alten Ausriß sieht brennt das Thema nun doch schon lange unter den Nägeln. Aber nach meinen ganz bescheidenen Beobachtungen hat es sich mittlerweile vielfach potenziert. Und so ist ein bißchen Polemik durchaus angesagt.

Jung, fit, schön. Das sollen die Garanten des privaten und berufliches Erfolges sein. Jugendkult, Gesundheits- und Fitnesswahn, Genußfeindlichkeit (kein Alkohol, nicht rauchen, angeblich „gesunde“ und kalorien- und fettreduzierte Ernährung und so weiter und so fort) sind zu den Götzen unserer Zeit geworden. Zur Ersatzreligion.

Der Wahn treibt ja die seltsamsten Blüten. Während es in den Fünfzigern noch dem Chefarzt in der Ärztekonferenz „vorbehalten“ war, für alle „Feuer frei“ zu geben (denn eigentlich durfte nur er als Chef ungefragt rauchen), man Größen der Medizin auf Fotos mit Zigarette sah, wollen die Damen und Herren im weißen Kittel heute die Raucher „heilen“.

Da muß ich einfach die Anekdote am Rande zum Besten geben. Ich habe vor kurzem tatsächlich einen Check-Up gemacht, so mit allem drum und dran, Belastungs-EKG, Lungenfunktionstest, Ultraschall der Organe und Gefäße. Ich bin 56 und rauche seit 40 Jahren. Und, welch Wunder, meine Gefäße zeigen keinerlei Plaque, keine Ablagerungen, keine Veränderungen, die Carotis frei. Gut, ich habe meinem Arzt nicht gesagt, daß das vielleicht von den Hektolitern Rotwein kommt, die ich in meinem Leben schon gesoffen habe. Oder von dem vielen Knoblauch, den ich als mediterran geprägter Mensch so innig liebe.

Und dann sind wir nämlich direkt bei einem Thema, das nennt sich French Paradox.

Was, bitteschön, ist das denn?

Ganz einfach: In weintrinkenden Nationen sterben die Menschen seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dieses Phänomen wurde in den 80iger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts durch den französischen Professor Serge Renaud entdeckt und ist inzwischen weltweit als “French Paradox” anerkannt. Er entdeckte schon damals und konnte nachweisen, daß die Franzosen zwar gern und gut essen, aber dennoch ein deutlich geringeres Risiko aufweisen für Herzerkrankungen und deutlich weniger den gefürchteten Herzinfarkt erleiden. Die Botschaft von Professor Renaud für dieses Paradoxon: der Grund liegt in dem regelmäßigen Rotweinkonsum der Franzosen zu den Mahlzeiten.

Die gesundheitsfördernde Wirkung des Weines liegt offenbar in der besonderen Kombination wertvoller Inhaltsstoffe im Wein mit dem Alkohol. Dies hat Renaud in einer späteren Studie 1998 in Nancy, Frankreich, herausgefunden. Er untersuchte 34.000 Männer im Alter von 40-60 Jahren. Die Weintrinker (2-3 Gläser pro Tag) hatten eine niedrigere Sterblichkeit als die Gruppe der starken Trinker, aber auch als die Abstinenzler. Bei diesen moderaten Weintrinkern wurden außerdem weniger Krebserkrankungen festgestellt.

Und jetzt? Ta, da gibt es dann plötzlich ein ganz neues French Paradox. Siehe hier. Bloß gut, daß die ranzosen wenig obrigkeitshörig sind und sich zur Wehr setzen! Wäre ja noch schöner, wenn die Weinkultur in Frankreich untergehen würde!

Dann ist da doch noch die Mittelmeerdiät auch bei den echten oder selbsternannten Ernährungsberatern in aller Munde. Eigentlich ist das ja auch nix anderes als das French Paradox. Knoblauch, Rotwein, Olivenöl. Das sind sie, die Wundermittel, die schon die Altvorderen der Mittelmeerstaaten für ein langes Leben nutzten. Und rauchten! Gut, in den heute publizierten Formen ist rauchen „bäh!“. Auch der Rotweinkonsum soll „moderat“ sein. Klar, ich sauf‘ ja keine ganze Flasche allein! Aber, liebe Ernährungs-Fuzzies, konzentriert Euch nicht nur auf die Tomaten, denkt auch an den Mozzarella di Buffala. Und an den Alkohol und den Tabak. Auch die urältesten Griechen rauchen und trinken Uozo im Kafeneon. Die sehen nicht nur so aus, da sind wirklich ein paar Neunzig- und Hundertjährige dabei.

Denkt bei der Mittelmeerdiät auch an die Muse und an die sozialen Kontakte.

Der einsame Jogger mag noch so viele Endorphine produzieren, er wird nicht länger leben. Wozu auch, wenn er sich auf der Jagd nach der ewigen Jugend nur kasteit?

Und unter „sozialen Kontakten“ verstehe ich auch nicht das, was die Träger von schwarzen Anzügen tun (zum Beispiel die Jung-Akademiker von McKinsey oder Roland Berger, die man heutzutage ja überall dort finden, wo man was auf sich hält; die haben den Dienstfahrzeugen der Bundeswehr bekanntermaßen auch die neue Tarnfarbe silbermetallic verpasst), die in irgendwelchen Firmen-Foyers zusammenstehen und sich – vor dem anschließenden wilden Nach-Feierabend-Gerenne durch irgendwelche Stadtparks – gegenseitig an banalem aber bedeutungsschwangerem Gewäsch überbieten.

Nein, ich meine Freunde und Familie, die einem Rückhalt geben.

Ich rede hier nicht gegen Sport, wohlgemerkt. Ich habe dafür viel zu viel Sport betrieben in meinem bisherigen Leben. Auch nicht gegen eine halbwegs „vernünftige“ und ausgewogene Ernährung. Ich predige auch nicht das Übermaß. Ich wende mich gegen den Wahn, der uns alles verbieten will, was Spaß macht. Und gegen den Wahn, der uns weismachen will, daß nur das Ausüben aerober Sportarten uns länger leben läßt – und gesund erhalte.

Ich denke da lieber wie der gute alte Paracelsus: „Die Dosis macht das Gift!“ Und Gift ist auch der Wahn. Gesundheit um den Preis des Lebens.

Wenn Sie die Thematik redaktionell interessiert: Wir haben die Bilder dazu!

Ich lehne mich jetzt erstmal zurück und genieße: „Roth-Händle bringt Würze in den Abend!“

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10 Antworten to “Wenn Fitness zur Sucht wird”

  1. Franz Roth Says:

    Der Film zum Artikel:

  2. Daisy – viel Lärm um nichts …. « Pressebuero Franz Roth Says:

    […] an der ganzen Misere schuld, an dieser indifferenten Nachrichtenlage, diese ewigen Lustschlingel, die sich dem neuen Puritanismus verweigern […]

  3. Interessantes diesseits und jenseits der deutsch-französischen Grenze im Film « Pressebuero Franz Roth Says:

    […] mit sich bringen. Gottseidank sind die Pfälzer so traditionsbewußt, daß, auch wenn der Tabakanbau rückläufig werden wird, sie nicht etwa die Trocken- und Fermentierungs-Speicher niederreißen werden. So wird […]

  4. Das Weltuntergangs-Schreckens-Szenario von der globalen Erwärmung « Pressebuero Franz Roth Says:

    […] Wenn Fitness zur Sucht wird […]

  5. Alter hat Zukunft – gegen den Jugendwahn « Pressebuero Franz Roth Says:

    […] Wenn Fitness zur Sucht wird […]

  6. Im Sattel « Pressebuero Franz Roth Says:

    […] Wenn Fitness zur Sucht wird […]

  7. Günter Schütte Says:

    Na ja, keine Gesinnungs- , eher eine Geschmacksfrage.

    (Fast) Jeder Raucher kennt einen Onkel, der trotz des Rauchens 100 Jahre alt geworden ist, bei bester Gesundheit etc …

    Natürlich, so etwas gibt es. Das beweist aber nichts. Rauchen verkürzt das Leben – im Durchschnitt. Rauchen führt zu Behinderungen – Beinamputation, Luftnot, mangelnde Belastbarkeit, Impotenz – im Durchschnitt häufiger als bei Nichtrauchern. Rauchen erhöht das Risiko für einen Herzinfarkt, für Lungenkrebs und noch ein Dutzend weiterer Krebsarten.

    Natürlich kann man hoffen, trotz Rauchen beide Beine zu behalten, potent zu bleiben und gut Luft bis ans Lebensende zu bekommen. Und es gibt auch Nichtraucher, die alle diese Krankheiten bekommen und früh sterben.

    Gibt auch Geisterfahrer, die Dutzende von Kilometern auf der falschen Seite die Autobahn benutzen und trotzdem heil nach Hause kommen. Trotzdem bevorzuge ich die Fahrbahnen auf der rechten Seite.

    Bei den „zehn Zigaretten am Tag“ bin ich immer skeptisch:

    1.) Vielleicht verzählen Sie sich?

    2.) Vielleicht sind sie gar nicht süchtig? Dann schmeißen Sie die zehn doch auch noch weg! 🙂

    (Bin übrigens Exraucher.)

  8. Günter Schütte Says:

    Das „französische Paradoxon“ war ganz sicher einer der besten Marketing-Kampagnen für die Wein produzierenden Länder.

    Tatsächlich scheint jede Art von Alkohol, mäßig genossen, vor dem Herzinfarkt zu schützen, wie man z.B. in dieser Studie im British Medical Journal nachlesen kann (http://www.bmj.com/cgi/content/full/332/7552/1244).

    Fast noch wichtiger als der Drink am Abend ist aber die körperliche Bewegung vorher, regelmäßige körperliche Bewegung schützt vor dem Infarkt (und sogar vor Krebs!), das wird mittlerweile von niemandem mehr bestritten.

    In der Ernährung – da sehen die Erkenntnisse eher ein bisschen unsicherer aus: Transfettsäuren z.B., wie sie in der Lebensmittelindustrie entstehen, wirken sich sicher negativ auf das Herzinfarktrisiko aus. Und Fisch (aus dem Meer) schützt, während zuviel Fett und Übergewicht ganz allgemein negativ zu Buche schlägt.

    In einem Punkt muss ich Sie allerdings enttäuschen: Rauchen verkürzt das Leben. Rauchen erzeugt nicht nur Herzinfarkte, es fördert chronische Lungenerkrankungen, jeder dritte Krebs wird durch das Zigarettenrauchen verursacht.

    Und, wenn Sie ehrlich sind, ein richtiger Genuss ist es auch nicht. In Wirklichkeit rauchen Sie nur, weil Sie die Entzugserscheinungen vermeiden möchten, die so zirka 2 Stunden nach der letzten Zigarette auftreten.

    Rauchen stinkt, es führt bei Ihnen und bei mir, wenn ich neben Ihnen sitze, zum Husten.

    Also: Ich habe nichts gegen Genuss! Im Gegenteil: Ich genieße regelmäßige Bewegung, Fisch und Salat, Obst und Nüsse, ab und zu ein Bier zum Essen. Ich verabscheue Hektik und Stress. An vielen Abenden genieße ich Aktivitäten, über die ich nicht so gerne im Internet plaudere. Nur so viel sei angemerkt: Auch hier zieht der (männliche) Raucher oft den Kürzeren.

    Leben Sie weiter wie bisher, aber geben Sie das Rauchen auf,

    viele Grüsse

    Günter Schütte

    • rothfranz Says:

      …ähm, mit dem Rauchen bin ich jetzt an einem Punkt, an dem ich nachhaken muß.

      >>> Rauchen verkürzt das Leben. <<<

      Und Johannes Heesters, Helmut Schmidt oder Pablo Picasso? Nur Glück gehabt?

      >>> Und, wenn Sie ehrlich sind, ein richtiger Genuss ist es auch nicht. In Wirklichkeit rauchen Sie nur, weil Sie die Entzugserscheinungen vermeiden möchten, die so zirka 2 Stunden nach der letzten Zigarette auftreten. <<<

      Die oft zitierten Entzugserscheinungen kann ich nicht feststellen. Ich rauche vielleicht 10 Zigaretten am Tag. Gerne (zum Rotwein) ein Zigarillo oder eine Zigarre. Kein Husten. Überdurchschnittlicher Lungenfunktionstest in der Alterklasse. Täglich mehrfach 98 Stufen hoch, schnellen Schrittes, ohne Atemnot, oft genug mit 25 Kilo Ausrüstung im Rucksack. „Spätschäden“ als ehemaliger Leistungssportler (Zehnkampf)?

      >>> Nur so viel sei angemerkt: Auch hier zieht der (männliche) Raucher oft den Kürzeren. <<<

      Ähem, räusper, hüstel, zwar wirklich kein Thema für einen Internet-Talk. Nur so viel: definitiv nicht zutreffend.

      Herzliche Grüße
      Franz Roth

    • rothfranz Says:

      … ach ja, dazu ….

      Rauchen stinkt

      … noch zwei Anekdötchen:

      Ich hatte mal einen älteren Kollegen. Nichtraucher. Wenn ich in dessen Büro zu einer Besprechung war, dauerte es nicht lange, bis er, wissend, daß meine bevorzugten Marken Gitanes und Gauloises sind, mich nachdrücklich aufforderte: „Nun zünden Sie sich doch endlich eine Zigarette an! Sie wissen doch, daß ich das so gerne rieche!“

      Der Mann war, wie ich, einfach frankophil. Für ihn war der Geruch meiner Gitane der Duft von Frankreich.

      Und eine, gleichfalls ältere, Kollegin, auch Nichtraucherin, tat fast das Gleiche, weil „das ist so ein männlicher Duft“.

      Ergo: die Definition dessen, ob etwas stinkt oder duftet ist offensichtlich eine Gesinnungsfrage.

      Ein schöner gut gereifter Münsterkäse schmeckt vorzüglich. Und stinkt gottserbärmlich. So richtig, als ob grade einer in die Hosen gesch… hätte.

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