Südwestpfalz: Wenn der Denkmalschutz noch mehr als total versagt

Gerade habe ich in meinem letzten Beitrag noch was zur Verantwortung gegenüber einem Erbe geschrieben …

Anderen scheint ihr Erbe nicht so wichtig zu sein, auch dann nicht, wenn es sich um ein zeitgeschichtliches und ganz besonders bedeutendes kulturelles Erbe handelt.

Ein Kulturdenkmal wird abgerissen!

Ein Kulturdenkmal wird abgerissen!

Das war einmal ein spätbarocker stattlicher und prachtvoller Mansardenbau aus dem Jahr 1788. Das Herrenhaus auf dem Felsenbrunnerhof im Landkreis Südwestpfalz. Und stand auf der Denkmalliste. Denn es ist (jetzt muß man sagen: war) eines der letzten architektonischen Zeugnisse aus der Zeit des Landgrafen Ludwig XI.

Denn auch in dessen ehemaliger Garnisonsstadt Pirmasens ist nicht mehr viel aus dieser Zeit zu finden.

Grenadierhaus Pirmasens

Auch dort wurde, was der Zweite Weltkrieg verschonte, systematisch plattgemacht. Die noch in den 60-ern typischen Reihen von Grenadierhäusern in der Schäferstraße mußten der Verkehrsplanung für die „Ader“ der Stadt weichen.

Und nun hat es das Jagdschloß auf dem Felsenbrunnerhof getroffen.

FELSENBRUNNERHOF

Hier ist es ...

Es wurde aus der Denkmalliste genommen und wird nun abgerissen. Besitzer und potentieller Käufer konnten sich nicht über einen Verkauf des leerstehenden Hauses einigen!

Als ich sah, daß der Dachstuhl abgerissen wurde, dachte ich noch: Ja, super, wird das endlich wieder restauriert. Bin ich froh, zumindest das fotografiert zu haben, denn ich habe das Gebäude früher – leider – nie fotografiert! Es war so selbstverständlich und vertraut in der Nachbarschaft. Irgendwann wollte ich es mal ablichten. Wenn es mal wieder einen Anstrich gehabt hätte.

Und dann das. Es wird abgerissen. Ein Denkmal ist plötzlich keines mehr.

Noch im April wurde um das Gebäude gekämpft:

Ein wirklich altes Gebäude, des den Krieg überstanden hat und ein wirklich wichtiges Denkmal für die Region Pirmasens ist, ist es nun nicht mehr weil sich amtlichen Denkmalschützer nicht über ihre Aufgabe im Klaren sind.

„Denkmalschutz wird für Abriss aufgehoben“, PZ-Bericht vom 16. April 2009.

Wenn nun auch noch das letzte Herrenhaus aus der Landgrafenzeit tatsächlich aus der Liste genommen wird, muss sofort ein Aufhebungsverfahren für das Beschäftigungsverhältnis der Denkmalschützer im Kreis eingeleitet werden. Man braucht diese ja nicht mehr, da sowieso bald nichts Schützenswertes mehr da sein wird, was am Ende den Landrat ja auch sehr freuen dürfte, er hält ja auch nichts von Denkmalschutz, was er vor kurzem deutlich zu verstehe gab.

Aber es handelt sich auf dem Felsenbrunnerhof ja nicht um irgendein Haus, sondern um eines der wichtigsten Denkmale im Landkreis und der Stadt Pirmasens. Da sich das Wirken der Denkmalschützer wie eine Blutspur durch die Westpfalz zieht – Weiße Kaserne, Loeservilla, Ixheimer Hammer, Renaissancehaus Hengstbach, Felsenbrunnerhof – müsste dieser unglaubliche Vorgang für Historiker ein Graus sein. Wir vermissen aber das laute Aufschreien, auch der Pirmasenser Stadtspitze, schließlich wird der Landgraf allenthalben als Aushängeschild benutzt.
Bisher haben das Landesdenkmalamt und die untergeordnete Stellen beim Landkreis Südwestpfalz und der Stadt Pirmasens bei der geringsten Schwierigkeit, auf wessen Veranlassung auch immer, alles aus der Liste genommen. Dafür werden die amtlichen Denkmalschützer aber nicht bezahlt. Oder sollte es wirklich Aufgabe des amtlichen Denkmalschutzes sein, alles vergammeln zu lassen, bis es abgerissen werden kann. Es gibt genügend Beispiele für solches Wirken in der Vergangenheit. Man muss also auf Landesebene der verantwortlichen Denkmalpflegerin klar machen, wenn der Felsenbrunner Hof unter den gegenwärtigen Bedingungen abgerissen wird, dass sie dann untragbar wird.

Da das Gebäude eindeutig denkmalgerecht sanierungsfähig ist, könnte das Herrenhaus nur wegen einer nachgewiesenen wirtschaftlichen Unzumutbarkeit abgerissen werden, und zwar als Denkmal. Die Praxis, den Denkmalschutz aufzuheben, um ein Objekt abreißen zu können, ist illegal, das korrekte Verfahren sieht anders aus.

Es ist Aufgabe von Frau Enders, dafür zu sorgen dass

a) sofortige Sicherungsmaßnahmen durchgeführt werden,
b) eine Ermittlung der Kosten einer Gesamtsanierung erfolgt und
c) entsprechende Zuschussanträge gestellt werden.

Außerdem sollte man überlegen, ob sich nicht ein Käufer für dieses tolle Objekt findet. Der BUND könnte einen entsprechenden Interessenten „liefern“.
Die bundesweit in der Denkmalpflege gängige Praxis hat auch im Landkreis Südwestpfalz angewendet zu werden. Denn wenn dieses System Schule machen würde, hätte dies unabsehbare Folgen für die bundesweite Denkmalpflege. Auch unsere Politiker sollten mehr zu unserer Geschichte stehen und nicht alles, was alt ist, einfach abreißen lassen. Dadurch werden unsere Dörfer und Städte gesichtslos.

gez. Walter Stutterich,

BUND Kreisgruppe Pirmasens
BOLZG / BOLZG

Quelle:
Verlag: Adolf Deil GmbH & Co. KG
Publikation: Pirmasenser Zeitung
Datum: Nr.97
Datum: Montag, den 27. April 2009
Seite: Nr.9

Umsonst. Der Felsenbrunnerhof wird gesichtslos! Und geschichtslos.

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6 Antworten to “Südwestpfalz: Wenn der Denkmalschutz noch mehr als total versagt”

  1. rothfranz Says:

    Ein Beispiel zu dieser erschreckenden Thematik aus dem Altmühltal (Bayern):

    https://rothfranz.wordpress.com/2009/06/24/trauriges-schicksal-eines-wertvollen-bauwerks/

  2. Noch ein nahezu unglaublicher Skandal um ein architektonisches Kleinod in der Südwestpfalz « Pressebuero Franz Roth Says:

    […] Kleinod in der Südwestpfalz By rothfranz Vor kurzem hatte ich über den unwürdigen Abriß des Herrenhauses aus dem 18. Jahrhundert auf dem Felsenbrunnerhof in der Südwestpfalz […]

  3. rothfranz Says:

    Zitat: „Denke, wenn unsere Freunde vom Sommerwald dort tätig wären, hätte man längst den historischen Baubestand in den gesamten Kreisen Aurich und Wittmund komplett abgerissen. Aus gutem Grund hat man den Hallen- und Gulfhäusern in Norddeutschland auch keine echten Fundamente verpasst, damit sich die Sackungen nicht im aufgehenden Mauerwerk fortsetzen.“

    Ja, in den Marschen wurde „für die Ewigkeit“ gebaut.

    Auch wenn nicht alles in Ostfriesland golden ist:

  4. rothfranz Says:

    Hallo, Herr Stutterich,

    vielen Dank für Ihren informativen Kommentar.

    Ich hatte Sie ja bereits im Post zitiert.

    Durch Ihre Antwort ist die Sache mit dem Baudatum klar.

    Ich werde den Film nochmal in einer erweiterten zweiten Version dahingehend korrigieren (bitte um etwas Geduld).

    Was mir dazu gut zu Nutzen wäre: Fotos, die das Gebäude intakt zeigen. Auch historische Aufnahmen oder Zeichnungen, Stiche etc. pp.

    Wer mir da behilflich sein kann: Bitte melden!

    Herzliche Grüße in meine Heimatstadt Pirmasens!

    Ihr
    Franz Roth

  5. Walter Stutterich Says:

    Sie sollten im Text Bitte dringend das Baudatum korrigieren. Denn das Herrenhaus entstand – entgegen der Meinung der Kreisverwaltung – nicht 1788, sondern unmittelbar nach Gründung des Hofes 1745. Sein Bauplatz ist auf dem erhaltenen Vermessungsplan des landgräflichen Geometers im Zuge der Schenkung 1745 bereits eingezeichnet.
    Der Bauherr Moritz Koch ist übrigens 1771 in Pirmasens mit über 70 Jahren gestorben und kann also 1788 kaum ein Herrenhaus gebaut haben (wie man also auf die Idee kommt, dass der vor über 17 Jahren gestorbene Kammerdirektor ein Hofgut anlegte, müsste man mir mal erklären…). Da es im Archiv in Speyer zahlreiche Briefe zwischen 1747 und 1770 von Moritz Koch gibt bzw. gab, die er mit dem Ort „Felsenbronn“ unterschrieben hat, ist das Baudatum ziemlich eindeutig belegt.

    Im Text sollte auch zum Ausdruck kommen, wer Moritz Koch eigentlich war. Immerhin galt er nicht nur als einer der bekanntesten deutschen Juristen seiner Zeit, sondern er war der Erzieher des späteren Landgrafen Ludwig IX. vom Hessen-Darmstadt – des „Schwiegervaters von Europa“ – , von dem er das Gut und das Baumaterial (unmittelbar nach der Volljährigkeit „seines“ Prinzen) aus Dankbarkeit geschenkt bekam. Außerdem war Koch der Bruder des juristischen Beraters von Markgräfin Karoline Luise von Baden-Durlach und Onkel des Gründers der historischen Fakultät der Universität Straßburg.

    Vielleicht kann man den im Film verlesenen Text entsprechend überarbeiten.

    Ergänzung oder ein kleiner Zusatz:
    Übrigens sieht man auch an diesem kläglichen Rest (Bild oben) die besondere Stabilität des mit Lehm vermörtelten Sandsteinmauerwerks. Man kann die Wände wie Gummi verdrücken und verziehen, der Mörtel sorgt dafür, dass das Mauerwerk trotz der extremen Deformierung nicht einstürzt. Nur haben das die Typen in der Kreisverwaltung am Sommerwald nicht kapiert.
    Ohne Lehmmörtel wäre z.B. auf dem „Schwabber-Boden“ in Ostfriesland jahrhundertelang kein Haus stehen geblieben. Während z.B. Eisenbahnstrecken in der dortigen Gegend ein dauerhafter Sanierungsfall sind und vor allem Hafenanlagen eine besondere Konstruktion voraussetzen, konnten die Bauernhäuser alle Probleme des Untergrundes ausgleichen, egal wie verzogen sie mit der Zeit wurden.

    Denke, wenn unsere Freunde vom Sommerwald dort tätig wären, hätte man längst den historischen Baubestand in den gesamten Kreisen Aurich und Wittmund komplett abgerissen.
    Aus gutem Grund hat man den Hallen- und Gulfhäusern in Norddeutschland auch keine echten Fundamente verpasst, damit sich die Sackungen nicht im aufgehenden Mauerwerk fortsetzen.

    Vielleicht kann man diesen Heinos beim Kreis ja verzeihen, dass sie von der Materie keine Ahnung haben. ……
    Walter Stutterich

  6. Franz Roth Says:

    Ich muß eines sagen: als ich in der Zeit von 1990 bis 1992 die Neuen Bundesländer bereiste, die ehemalige DDR, und die heruntergekommenen Häuser, etwa in dem heute wieder wunderschönen Meißen gesehen habe, hätte ich nie gedacht, daß ich sowas mal „hierzulande“ würde sehen müssen. Daß Kulturgüter einfach „wegradiert“ werden.

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