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Wenn Fitness zur Sucht wird

24. Juni 2009

 

Nachdem ich mich in der jüngeren Zeit fast nur der „schönen“ Themen angenommen habe, Gartenspaß und Natur, möchte ich mal wieder etwas Kritischeres und „Zeitgeistiges“ beleuchten. Und wie man an meinem nun doch zehn Jahre alten Ausriß sieht brennt das Thema nun doch schon lange unter den Nägeln. Aber nach meinen ganz bescheidenen Beobachtungen hat es sich mittlerweile vielfach potenziert. Und so ist ein bißchen Polemik durchaus angesagt.

Jung, fit, schön. Das sollen die Garanten des privaten und berufliches Erfolges sein. Jugendkult, Gesundheits- und Fitnesswahn, Genußfeindlichkeit (kein Alkohol, nicht rauchen, angeblich „gesunde“ und kalorien- und fettreduzierte Ernährung und so weiter und so fort) sind zu den Götzen unserer Zeit geworden. Zur Ersatzreligion.

Der Wahn treibt ja die seltsamsten Blüten. Während es in den Fünfzigern noch dem Chefarzt in der Ärztekonferenz „vorbehalten“ war, für alle „Feuer frei“ zu geben (denn eigentlich durfte nur er als Chef ungefragt rauchen), man Größen der Medizin auf Fotos mit Zigarette sah, wollen die Damen und Herren im weißen Kittel heute die Raucher „heilen“.

Da muß ich einfach die Anekdote am Rande zum Besten geben. Ich habe vor kurzem tatsächlich einen Check-Up gemacht, so mit allem drum und dran, Belastungs-EKG, Lungenfunktionstest, Ultraschall der Organe und Gefäße. Ich bin 56 und rauche seit 40 Jahren. Und, welch Wunder, meine Gefäße zeigen keinerlei Plaque, keine Ablagerungen, keine Veränderungen, die Carotis frei. Gut, ich habe meinem Arzt nicht gesagt, daß das vielleicht von den Hektolitern Rotwein kommt, die ich in meinem Leben schon gesoffen habe. Oder von dem vielen Knoblauch, den ich als mediterran geprägter Mensch so innig liebe.

Und dann sind wir nämlich direkt bei einem Thema, das nennt sich French Paradox.

Was, bitteschön, ist das denn?

Ganz einfach: In weintrinkenden Nationen sterben die Menschen seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dieses Phänomen wurde in den 80iger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts durch den französischen Professor Serge Renaud entdeckt und ist inzwischen weltweit als “French Paradox” anerkannt. Er entdeckte schon damals und konnte nachweisen, daß die Franzosen zwar gern und gut essen, aber dennoch ein deutlich geringeres Risiko aufweisen für Herzerkrankungen und deutlich weniger den gefürchteten Herzinfarkt erleiden. Die Botschaft von Professor Renaud für dieses Paradoxon: der Grund liegt in dem regelmäßigen Rotweinkonsum der Franzosen zu den Mahlzeiten.

Die gesundheitsfördernde Wirkung des Weines liegt offenbar in der besonderen Kombination wertvoller Inhaltsstoffe im Wein mit dem Alkohol. Dies hat Renaud in einer späteren Studie 1998 in Nancy, Frankreich, herausgefunden. Er untersuchte 34.000 Männer im Alter von 40-60 Jahren. Die Weintrinker (2-3 Gläser pro Tag) hatten eine niedrigere Sterblichkeit als die Gruppe der starken Trinker, aber auch als die Abstinenzler. Bei diesen moderaten Weintrinkern wurden außerdem weniger Krebserkrankungen festgestellt.

Und jetzt? Ta, da gibt es dann plötzlich ein ganz neues French Paradox. Siehe hier. Bloß gut, daß die ranzosen wenig obrigkeitshörig sind und sich zur Wehr setzen! Wäre ja noch schöner, wenn die Weinkultur in Frankreich untergehen würde!

Dann ist da doch noch die Mittelmeerdiät auch bei den echten oder selbsternannten Ernährungsberatern in aller Munde. Eigentlich ist das ja auch nix anderes als das French Paradox. Knoblauch, Rotwein, Olivenöl. Das sind sie, die Wundermittel, die schon die Altvorderen der Mittelmeerstaaten für ein langes Leben nutzten. Und rauchten! Gut, in den heute publizierten Formen ist rauchen „bäh!“. Auch der Rotweinkonsum soll „moderat“ sein. Klar, ich sauf‘ ja keine ganze Flasche allein! Aber, liebe Ernährungs-Fuzzies, konzentriert Euch nicht nur auf die Tomaten, denkt auch an den Mozzarella di Buffala. Und an den Alkohol und den Tabak. Auch die urältesten Griechen rauchen und trinken Uozo im Kafeneon. Die sehen nicht nur so aus, da sind wirklich ein paar Neunzig- und Hundertjährige dabei.

Denkt bei der Mittelmeerdiät auch an die Muse und an die sozialen Kontakte.

Der einsame Jogger mag noch so viele Endorphine produzieren, er wird nicht länger leben. Wozu auch, wenn er sich auf der Jagd nach der ewigen Jugend nur kasteit?

Und unter „sozialen Kontakten“ verstehe ich auch nicht das, was die Träger von schwarzen Anzügen tun (zum Beispiel die Jung-Akademiker von McKinsey oder Roland Berger, die man heutzutage ja überall dort finden, wo man was auf sich hält; die haben den Dienstfahrzeugen der Bundeswehr bekanntermaßen auch die neue Tarnfarbe silbermetallic verpasst), die in irgendwelchen Firmen-Foyers zusammenstehen und sich – vor dem anschließenden wilden Nach-Feierabend-Gerenne durch irgendwelche Stadtparks – gegenseitig an banalem aber bedeutungsschwangerem Gewäsch überbieten.

Nein, ich meine Freunde und Familie, die einem Rückhalt geben.

Ich rede hier nicht gegen Sport, wohlgemerkt. Ich habe dafür viel zu viel Sport betrieben in meinem bisherigen Leben. Auch nicht gegen eine halbwegs „vernünftige“ und ausgewogene Ernährung. Ich predige auch nicht das Übermaß. Ich wende mich gegen den Wahn, der uns alles verbieten will, was Spaß macht. Und gegen den Wahn, der uns weismachen will, daß nur das Ausüben aerober Sportarten uns länger leben läßt – und gesund erhalte.

Ich denke da lieber wie der gute alte Paracelsus: „Die Dosis macht das Gift!“ Und Gift ist auch der Wahn. Gesundheit um den Preis des Lebens.

Wenn Sie die Thematik redaktionell interessiert: Wir haben die Bilder dazu!

Ich lehne mich jetzt erstmal zurück und genieße: „Roth-Händle bringt Würze in den Abend!“

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Morgens in Saint-Malo

21. März 2009

Ein früher Morgen in Saint-Malo in der Bretagne. Auf dem Sillon, dem Damm, der den Stadtteil Rochebonne mit der Ville Close, der mauerumgürteten Altstadt verbindet.

Zu jedem frühen Morgen sind hier die Jogger unterwegs. Lassen ihren Endorphinen auf dem harten Steinpflaster freien Lauf. Die ausgeschütteten Glückshormone lassen vergessen, daß das harte Plaster nicht gut sein kann für den Bewegungsapparat, die Gelenke, die Wirbelsäule, die Bandscheiben.

Fit for fun?

Fit for fun?

Ich rede hier nicht als Nicht-Sportler. Nein, ich war mal Leistungssportler. Leichtathletik und alpiner Skilauf. Ich habe mir früher auch die Lunge aus dem Leib gerannt. Aber nicht auf Asphalt und Pflaster, sondern auf Waldwegen. Auf weichem Untergrund. En passant habe ich auch damals schon geraucht. Zehnkampf und Rauchen waren noch keine unvereinbaren Widersprüche. Siehe auch Siggi Wentz. Zugegeben, heute, mit 56, habe ich’s nicht mehr so damit. Mit dem Hund ’ne Runde drehen ist da auch nicht übel (wir müssen uns unbedingt wieder einen Vierbeiner zulegen!).

Ich wundere mich nur, daß dir die Boys and Girls hier früh um acht Uhr in jeder Richtung entgegenpacen bzw. dich hechelnd von hinten überholen. Bei manchen ist schon der Laufstil ungesund. Die können gar nicht laufen! Das ist die pure Verkrampfung. Laufen geht locker!

Keinen Blick für das Meer, für die Seefestung Fort National.

Lebensfreude beim spazieren gehen

Lebensfreude beim spazieren gehen

Dabei kann man wunderbar über den Sillon bummeln. Vorbei an den hölzernen Wellenbrechern, die bei Springflut die Wogen in den Himmel schießen lassen. Denn in Saint-Malo gibt es den größten Gezeitenunterschied in ganz Europa: 14 Meter zwischen Ebbe und Flut.

Und wer flaniert, der schont seine Gelenke.

Ähnlicher Artikel: Wenn Fitneß zur Sucht wird

Die Erotik des Rauchens

10. März 2009
Die Erotik des Rauchens

Die Erotik des Rauchens

Frauen, Erotik und Rauchen. Das sind in der Charme-Fotografie Elemente, die zusammengehören. Die Zigarette, dieses kleine Accessoire, verleiht der ganzen Szenerie erst den richtigen erotischen Touch. Es geht eine Faszination von der rauchenden Frau aus, die es ohne die Zigarette so nicht gäbe. Es ist ein bewußt eingesetztes Stilmittel. Ebenso wie das Buch, das Licht, die entspannte Pose. Das Buch. Die Raucherin liest. Sie ist klug, nicht nur sexy.  Sie entspannt und genießt. Kann man sich eine Nichtraucherin in dieser Situation vorstellen? Wie sollte ich ein Bild getalten, das so wirken würde? Ehrlich gesagt: keine Ahnung!

Rauchen und Erotik

Rauchen und Erotik

Die Zigarette, gehalten in lasziver Pose. Nur sie provoziert diese verruchte Situation. Was wäre die Szene ohne? Langweilig und banal! So aber. Ein Bild voller Symbolkraft. Voller Assoziationen. Es regt die Phantasie des Betrachters an. Es wirkt – fast – allein durch das close-up der Zigarette.

Rauchen und Erotik

Rauchen und Erotik

Die Salon- oder Boudoir-Fotografie kommt ohne das Accessoire Zigarette nicht aus. Was wäre so ein Foto ohne die Zigarette in der Hand? Es hätte nie diese Ausstrahlung. Würde nie diese vertraute Intimität ausstrahlen. Welche Pose müßte das Modell einnehmen ohne die Zigarette in der Hand? Wiederum: keine Ahnung!

Einblicke

Einblicke

Ein Street-Photography-Schnappschuß aus einem Straßencafe im Sommer. Der Bildanschnitt lebt zum großen Teil auch vom Zug an der Zigarette. Das erst macht den tiefen Einblick tatsächlich reizvoll. Rauchen als Flirtfaktor.

Und auch in der „klassischen“ Kunst, der Malerei, wird dem „rauchenden Akt“ breiter Raum geschenkt. Das habe nicht nur ich getan, als ich noch mit Pinsel und Palettmeser anstatt Kamera und Objektiv gearbeitet habe.

Rauchende Frau - Blue Nude

Rauchende Frau - Blue Nude

Die Pose, die Farben (blauer Dunst), der rote Kontrapunkt der Haare, die Rauchwolken, das macht die Atmosphäre dieses Aquarells aus.

Die Zigarette, das gehörte mal zur Grundausstattung des Charme-Fotografen. Und zur Aura einer erotischen Frau. Lauren Bacall hat geraucht. Rita Hayworth. Marilyn Monroe. Man schaue sich mal die „last session“ mit Bert Stern an. All die großen Stars der Leinwand und der Hochglanzmagazine.

Apropos Hochglanzmagazine: warum wirken so viele heutige Bildstrecken so unerotisch. Weil sie nur noch nackt sind. Wer noch LUI kennt, der weiß, wovon ich rede (schreibe). Die Gitanes-Schachtel, die Zigarette in der Hand oder lässig im Mundwinkel, das waren die Details, die dieses Magazin so typisch französisch gemacht haben.

Oder wer kann sich Romy Schneider in ihren Filmen als Nichtraucherin vorstellen? Mit einem nicht rauchenden Michel Piccoli? Undenkbar. 

Man merkt es so langsam: den Predigern der neuen puritanischen Lust- und Genußfeindlichkeit geht es wahrscheinlich doch um mehr als um „Gesundheitsprävention“ (dieses so gern gebrauchte Unwort, der Anachronismus an und für sich, denn, wenn man sein Latinum noch so halbwegs im Kopf hat, bedeutet doch „Vorbeugung vor Gesundheit“, gelle).

Denn, wenn man sich mit Gesundheitsschutz ernsthaft befaßt, dann sollte man sich vielleicht einmal mit der gleichen Intenität des Themas Laserdrucker annehmen. Dort wird eigenartigerweise gerne verschwiegen, daß Tonerfeinstaub, diese Nano-Bubbles, die tief in die Zellen eindringen, die menschliche Gesundheit ganz erheblich schädigen können.

© Franz Roth, alle Fotos mit erkennbaren Peronen model released