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Paris, mon amour (II)

5. Dezember 2009

Paris, mon amour!

Über Paris hatte ich schon einen Artikel geschrieben. Doch ein Artikel ist nicht ausreichend, die unbeschreibliche Faszination zu vermitteln, die von der französischen Hauptstadt ausgeht, von dieser Welt-Metropole. Die ja einiges mehr in petto hat als die allseits bekannten touristischen Sehenswürdigkeiten wie Sacre Coeur, Notre Dame oder Eiffelturm.

Deswegen möchte ich in meinem zweiten Beitrag die etwas weniger bekannten und geläufigen Ansichten dieser Stadt noch etwas mehr betonen. Sozusagen „Paris inside“, „Paris dedans“, gesehen von einem Insider („Connaisseur“ auf französisch), der mit der Stadt und ihren Menschen vertraut ist. Mein persönliches Paris.

Ich als Fotoreporter in Paris, nahe Place de la Bastille, Februar 1986

Mein persönliches Paris, das ist das Paris, der Stadtviertel, des Quartier. Und das hat vielfach wenig zu tun mit dem Paris der Klischees, mit der Seine-Metropole, der Stadt der Liebe und des leichten Lebens.

Paris „en interieur“ hat so viele Gesichter, daß nicht umsonst Generationen von Reportern ein Leben lang damit beschäftigt waren, diese Stadt und ihre Menschen zu dokumentieren und sie und ihr Leben in Bild und Film festzuhalten. Auch ich könnte die Mammutaufgabe einer umfassenden fotografischen Dokumentation nicht leisten und so wird auch dieser Artikel wieder nur ein Anriß sein können.

Aber einer, der vielleicht Lust darauf macht, auf eigene Entdeckungsreise zu gehen in das Innenleben von Paris.

Street Photography im klassischen Sinne soll daher heute mein Thema sein, und zum Teil auch im klassischen Schwarzweiß. So wie das Bild unten von einem Süßigkeiten-Verkaufsstand in der Nähe der Place de la Bastille.

Auch die etwas anderen Ansichten Pariser Sehenswürdigkeiten will ich präsentieren. So leer und frei von Autos sieht man die Pariser Oper nicht oft. Nur ein einsamer früher Pendler, der die Metrostation verläßt. Um zu solchen Aufnahmen zu kommen muß man früh aufstehen. Ein Sonntagmorgen war das, sieben Uhr. Der einsame Passant sicher Kellner in einer der Bars, Cafés und Restaurants rundum auf dem Weg zur Arbeit.

Denn an einem Samstagabend, um 20:00 Uhr, wenn tout Paris ausgeht um sich zu zerstreuen und zu amüsieren, dann sieht es an l’Opera ganz anders aus.

„Flic“ regelt den Verkehr, Opera

Ein Teil der Pariser ist schon unterwegs zum Vergnügen, derweil der andere Teil sich noch auf dem Weg von der Arbeit nachhause befindet. Es herrscht ein unbeschreibliches Verkehrschaos, verstopfte Straßen und Gassen, hektisches Hupen, Nervosität.

Zurück ins Quartier. Ins Viertel. Den wahren Lebensraum des Parisers. Er ist mit seinem Viertel verwurzelt. Der „kleine Mann“ in den Vierteln der kleinen Leute. Die Reichen und die Schönen in den noblen Vierteln. Rund um die Place Vendôme etwa. Das wahre Pariser Leben spielt sich in den Stadtvierteln ab. Und die sind wie lauter Städte in der Stadt. Jedes Arrondissement ist eine eigene kleine Stadt. Die Quartiers sind Lebensmittelpunkt. Eigentlich verläßt man sein Viertel nur, um auszugehen und zur Arbeit, wenn dies in einem andern Teil der Stadt ist. Die Bar um die Ecke, wo man sich abends trifft. Dort spielt sich das Leben ab. Mit seinen kleinen und großen Dramen. Seinen kleinen und großen Freuden.

Paris ist auch eine Stadt im ständigen Wandel. Schon im 19. Jahrhundert wurden die alten Festungswälle niedergerissen, um breite Boulevards anzulegen. Der Name Boulevard weist noch darauf hin. Denn Boulevard ist das französische Wort für Bollwerk. Und die Boulevards wurden keinesegs angelegt, um breite Prachtstraßen zu sein, sondern um auf den Pariser Pöbel („le peuple“, das Volk), so er denn mal wieder Revolution zu machen gedachte, besser mit Kartätschen schießen und die Kavallerie zum niederhauen zum Einsatz bringen konnte.

Und so zeigt sich auch heute in Paris immer wieder der Verfall einerseits, und sei es, daß die Leuchtreklame eines Selbstbedienungs-Restaurants defekt ist, und andererseits die Renovierung alter Häuser in den Vierteln. „Avec charactére“, also eine Luxussanierung, die die Alteingesessenen aus ihren Häusern und Stadtvierteln vertreibt, weil sie sich die Wohnung nicht mehr leisten können.

Verfall und Luxus-Sanierung, vielfach zu Lasten der Armen und Alten im Quartier

Wie nah sich das Paris des Glanzes und der touristischen Attraktionen, das Paris der Bohéme, des leichten Lebens und das Paris der Armut allenthalben sind, läßt sich auch aus unserem kleinen Film „Paris im Herbst“ leicht ersehen (Kamera: Roland Schmitt).

Und die Stadt Paris kämpft nicht nur permanent gegen den Smog, der alle Bauwerke schnell wieder schwarz werden läßt, wenn sie grade frisch sandgestrahlt sind, so wie hier das Pariser Rathaus.

Paris kämpft auch im wahrsten Sinne des Wortes gegen die Scheiße an. Gegen Hundekacke.

Denn auch die ist allgegenwärtig wie die Hunde selbst. Und die müssen nun halt mal, die armen Viecherl. Und nicht jeder Hundebesitzer empfindet große Freude daran, die Tretminen seines Lieblings auch wieder mitzunehmen und schuhsohlenverträglich zu entsorgen.

Ich beende diesen Artikel mit einem „versöhnlichen“ Bild. Sacre Coeur von hinten. Ein Wintermorgen auf dem Montmartre.

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Fotografen-Alltag – der ganz normale Wahnsinn

15. Juni 2009

Dem Beruf des Fotoreporters haftet oftmals der Ruch eines gewissen Glamours an. Zugegeben, wir pflegen dieses Image auch selbst ganz gerne. Zelebrieren den Mythos vom „harten Kerl“, vom „Glasaugenzeugen“, der überall dabei ist, wo „Action“ geboten ist.

Zugegeben, mach‘ ich auch.  Die Coreman-Anglerweste, die schweren abgewetzten Kameras mit ihren Gebrauchsspuren. Der Mann schont weder sich noch seine Ausrüstung. Das ist die „Message“, die dabei „rüberkommt“.

Der Alltag sieht aber irgendwie doch ganz anders aus. Hat wenig Glamour. Und verlangt einem im Regelfall eine hohe „Frustrationstoleranz“ ab.

Das liegt nicht nur daran, weil du diese ganze schwere Sch….ausrüstung mit dir rumschleppst (und im Zweifelsall dann doch das richtige Objektiv zuhause hast liegen lassen). Weil du das mit  35 oder mit 45 von der Physis her noch gut kannst, wenn du aber die 50 mal überschritten hast trotz guter Fitness eben nicht mehr ganz so gut. Da kommen eben doch die „Zipperlein“ so langsam zum Vorschein. 

Ich muß mich manchmal über mich selbst wundern. Da hast du runde 20 kg Ausrüstung an dir rumhängen, bist beim Radrennen „Rund um die Nürnberger Altstadt“ mit dem ganzen Gerödel ständig auf Achse und machst dann noch Strahlemännchen, wenn du selbst fotografiert wirst!

Aber dabei tut dir der Rücken weh, daß du brüllen könntest! Und der Kamera-Body hängt dir am Neckstrap wie Blei am Hals. Na ja, gibt ’ne austrainierte Nackenmuskulatur …

Und der Bizeps kommt auch nicht zu kurz, wenn du mit der langen Tüte „anlegst“.

Und dabei denkst du: „Hoffentlich rennt mich der Gaul nicht über den Haufen, wenn er gleich an mir vorbeikommt!“

Denn wer lange genug im Reitsport gearbeitet hat, der weiß, daß die Mär vom „edlen Pferd“ eben eine Mär ist. Das Pferd hat ein ziemlich kleines Gehirn. Ich möchte da jetzt nicht gleich sagen, das Pferd sei strohdumm. Aber weit entfernt davon ist es nicht. Und es hat – typisch Fluchttier – so ziemlich vor allem Angst. Besonders vor Fotografen!  Und wenn so ein Viech dann in seiner Panik noch gar seinen Reiter abwirft und der das Turnier deswegen nicht gewinnt, dann habe ich echten Ärger. Und werde zur Kasse gebeten. Dann kann ich ihm nämlich die entgangene Siegprämie zahlen.

Der geneigte Leser hat sicher bereits schon jetzt erkannt, daß „Bildberichterstatter“, wie das mal hieß, ein echt neurotischer Job ist.

Nun denn, wird sich mancher sagen, dann mach doch wirklich was mit Glamour, etwas das Charme hat. Werde Glamour-Fotograf.

Glamour Photography

Glamour Photography

Habe ich auch gemacht. Bis in die Neunziger. Wer jetzt aber denkt, das müsse doch toll sein, immer leicht oder gar nicht bekleidete Mädchen abzulichten, auch der irrt. Denn das ist auch knallharte Arbeit. Die Damen können eigenwillig sein. Sehr eigenwillig.

Es ist noch nicht mal so schwer, das „Mädchen von nebenan“ zu finden, das bereit ist, sich – gegen gutes Salär natürlich – vor deiner Kamera auszuziehen.

Du hast dabei natürlich die Wünsche deiner Bildabnehmer …

Erotikfotografie ür die Ratgeberseiten von Zeitschriften

Erotikfotografie für die Ratgeberseiten von Zeitschriften

 … vor Augen. Und die illustrieren natürlich – natürlich! – Themen, die haben irgendwie etwas mit Sexualität zu tun. Auch mit deren „Schattenseiten“, „Menschen und Schicksale“ eben. Gerade in osteuropäischen Medien gab es da nämlich nach dem all des Eisernen Vorhangs wohl einen großen – und nicht schlecht bezahlten – „Nachholbedarf“.

Aber auch die westlichen Yellows und die Boulevard-Presse haben da immer Bedarf.

Und dann sind wir ganz schnell an dem Punkt, wo die Mädchen gerne zickig werden. Ausziehen ja (Gedanken daran, damit die große Karriere à la Nadja Auermann zu starten?), aber  bitte nur „schöne“ Fotos, mit positiver Ausstrahlung. Bitte nicht irgendwas, was „anrüchig“ sein könnte!

Ich hab’s dann irgendwann aufgegeben. Es war mir einfach zu blöd geworden, diese Debatten und Diskussionen. Und dann noch gutes Geld dafür zu bezahlen. Natürlich – wie eben so üblich in der Branche – ohne jegliche Garantie, daß das je wieder reinkommt.

Also back to the roots …

… und Aktualitäten fotografieren, Nachrichtenbilder, Ereignisse der Zeitgeschichte.

Du rennst also weiter mit deinen 20 Kilo Ausrüstung durch die Gegend, diskutierst mit Sicherheitskräften, streitest mit Kollegen um die beste Aufnahmeposition und rennst, um deine Bilder schnell im Geschäft zu haben. Es ist ein neurotisches Business. Egal, was du machst.

Du dokumentierst den Wahnsinn auf Deutschlands Autobahnen, den einzigen auf der ganzen Welt, auf denen jeder so schnell fahren darf wie er will. Du bist auf „deinen“ Autobahnen unterwegs, der A6 und der A9. Im Regen, bei Schnee, bei jedem Wetter. Du hälst sie fest, die Raser, die Drängler, die LKW-Karawanen.

Nicht umsonst habe ich mal vor Jahren einen Artikel über den Beruf geschrieben, der mit „Der ganz normale Wahnsinn“ betitelt war.

Diesen ganz normalen Wahnsinn mache ich jetzt seit 1986. Und jetzt muß ich eines mal sagen, trotz allem „Genörgel“, trotz aller Anstrengungen und Mühen – verbunden mit einer Honorarsituation, die sich in den letzten zwanzig Jahren wenig zum Guten entwickelt hat: es macht dennoch Spaß! Es ist ein Job, der vor Stress geradezu gepfeffert ist. Es ist ein Job, in dem du permanent eine Menge Geld in dein Equipment stecken musst. Und das wird im digitalen Zeitalter immer teurer. Aber ist auch ein Job, der interessant ist und abwechslungsreich. Wie kaum ein anderer. Und er hält einen auch körperlich verdammt fit. Wer ständig ein 2,8/300-er Objektiv stemmt, der spart sich jedes Fitness-Studio!

Nature Photography - Click for enlarging

Nature Photography

Und ich persönlich habe (s. Post „Garten-Paparazzo„) mittlerweile ein Metier gefunden, das nun wieder eine echte Herausforderung für mich darstellt. Schau’n mer mal, was ich da in ein paar Jahren zu nörgeln habe …

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